Frau sitzt vor einem Laptop

Narkosen: Der künstliche Schlaf

Etwa 15 Millionen Operationen finden jährlich in deutschen Krankenhäusern statt. Bei diesen Eingriffen kommen unterschiedliche Narkoseverfahren zum Einsatz. Dr. Matthias Föcking, ärztlicher Direktor und Chefarzt der Anästhesie an den Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen erklärt, welche Narkoseverfahren es gibt, mit welchen Risiken sie verbunden sind und was Patienten tun können, damit die Narkose optimal verläuft.

Warum haben viele Menschen Angst vor einer Narkose?

Dr. Föcking: „Ähnlich wie beim Fliegen gibt man die Kontrolle an fremde Personen ab, im Rahmen der Narkose spielt oft zusätzlich eine Erkrankung noch eine Rolle. Dazu kommen oft unbegründete Ängste durch Erzählungen von Verwandten und Freunden aus früheren Zeiten.“

Wie groß ist das Narkoserisiko denn tatsächlich heute?

Dr. Föcking: „In den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts lag die narkosebedingte Sterblichkeit bei ca. 6,4/10.000 Narkosen. Heutzutage liegt sie etwa bei 0,4/100.000 bei gesunden Patienten. Bei schweren Begleiterkrankungen und/oder hohem Lebensalter kann sie auf ca. 20/100.000 Narkosen steigen.“

Wovon hängt das individuelle Risiko für eine OP bzw. Narkose ab?

Dr. Föcking: „Das individuelle Risiko hängt vor allem von Vorerkrankungen und dem Lebensalter des Patienten ab.“

Welche Nebenwirkungen und Komplikationen treten häufiger auf?

Dr. Föcking: „Narkosezwischenfälle sind sehr selten und moderne Narkose-Medikamente werden im Allgemeinen gut vertragen. Doch es kann selbstverständlich nicht ausgeschlossen werden, dass es durch Narkotika, die zur Einleitung beziehungsweise Aufrechterhaltung der Narkose eingesetzt werden, zu Komplikationen kommen kann. Die häufigste Komplikation ist die Übelkeit nach der Operation. Auch diese unerwünschte Wirkung trat früher viel häufiger auf als heute.

Darüber hinaus können gelegentlich Halsschmerzen und Heiserkeit auftreten.  Andere, vor allem schwerwiegende Zwischenfälle, wie die maligne Hyperthermie oder allergische Reaktionen kommen sehr selten vor.“

Warum ist das Vorbereitungsgespräch vor einem Eingriff für Arzt und Patient wichtig?

Dr. Föcking: „Je besser beide Seiten informiert sind, desto sicherer und angenehmer wird der Ablauf der Narkose sein. Patienten können für sie wichtige Fragen stellen, der Anästhesist kann sich über Vorerkrankungen informieren und sich ein Bild vom Patienten machen.“

Wie sollten Patienten sich auf dieses Aufklärungsgespräch vorbereiten?

Dr. Föcking: „Der Patient kann sich  bereits im Aufklärungsbogen über die unterschiedlichen Narkoseverfahren informieren und gezielte Fragen vorbereiten. Darüber hinaus kann er Fragen zu seiner medizinischen Vorgeschichte beantworten und ggf. vorhandene ärztliche Unterlagen mitbringen.“

Welche Narkoseverfahren gibt es?

Dr. Föcking: „Man unterscheidet grob Voll- und Teilnarkoseverfahren. Eine Vollnarkose ist grundsätzlich für jeden Eingriff möglich. Abhängig vom Operationsgebiet (z.B. Arme/Beine)  kann eine alleinige Teilnarkose ausreichend sein. Bei speziellen Eingriffen (z.B. in der großen Bauchchirurgie) kann auch eine Kombination von Voll-und Teilnarkose sinnvoll sein.“

Welche Vorteile bieten Teil- gegenüber Vollnarkosen?

Dr. Föcking: „Teilnarkosen sind grundsätzlich immer dann sinnvoll, wenn die Betäubung eines Teils des Körpers ausreichend ist. Vorteil ist dann die fehlende „Bewusstlosigkeit“ des Patienten durch eine Vollnarkose mit unter Umständen entsprechend schnellerer Erholung. Bei bestimmten Erkrankungen (z.B. schweren Vorerkrankungen der Atemwege) kann eine Teilnarkose auch risikoärmer sein.“

Was geschieht bei der Vollnarkose?

Dr. Föcking: „Die Vollnarkose schaltet Bewusstsein und Schmerzempfinden im ganzen Körper aus. Man befindet sich von Anfang bis Ende der Narkose in einem schlafähnlichen Zustand, der in der Regel durch eine Kombination von Schlafmittel, Schmerzmittel und muskelerschlaffenden Substanzen aufrecht erhalten wird. Die Narkosemittel werden entweder gespritzt oder über die Atemluft zugegeben.

Zunächst werden Medikamente über den liegenden Venenzugang gespritzt. Nach dem Einschlafen wird die Atmung durch den Anästhesisten übernommen, entweder über eine Maske, die auf Gesicht oder Kehlkopf aufliegt, oder (bei längeren Eingriffen) über einen in die Luftröhre eingeführten Beatmungsschlauch. Selbstverständlich werden diese Fremdkörper am Ende der Narkose vor dem Erwachen wieder entfernt.“

Was hat sich bei den Narkosemitteln verändert?

Dr. Föcking: „Die modernen Narkosemedikamente sind im Vergleich zu früheren Zeiten erstens deutlich kürzer wirksam und ermöglichen daher eine sehr exakte Steuerung der Narkose und zweitens erheblich ärmer an Nebenwirkungen, was Narkosen heutzutage auch bei sehr alten und/oder sehr kranken Patienten ermöglicht.“

Was kann der Patient tun, damit die Narkose sicher verläuft?

Dr. Föcking: „Er sollte möglichst genaue Angaben zu Vorerkrankungen machen und sich möglichst genau an die im Vorgespräch gemachten Anweisungen halten.“

Warum sollten Patienten vor einer Narkose nüchtern sein?

Dr. Föcking: „Bei vollem Magen ist das Risiko von Erbrechen oder Rückfluss von Mageninhalt in die Luftröhre nach Narkoseeinleitung deutlich erhöht. Hieraus kann bei einem dann möglichen Einatmen von Erbrochenem eine schwere, unter Umständen lebensbedrohliche Lungenentzündung entstehen.“

Bei Notfällen ist der Patient häufig nicht nüchtern. Was bedeutet das für den Anästhesisten?

Dr. Föcking: „Falls möglich, wird er ein Teilnarkoseverfahren empfehlen. Sollte eine Vollnarkose erforderlich sein, wird die Einleitung der Narkose zur Verringerung der Gefahr der o.g. Komplikation verändert, allerdings unter Inkaufnahme anderer Risiken für den Patienten.“

Warum sind die Narkoserisiken für ältere Patienten größer?

Dr. Föcking: „Ältere Patienten sind vor allem oft vorerkrankt und haben allein dadurch ein erhöhtes Narkoserisiko. Ansonsten spielen auch noch die altersbedingten Organveränderungen eine Rolle, da auch der Abbau von Medikamenten dadurch verändert sein kann.“

Wenn ältere Menschen nach einer Operation vorübergehend verwirrt oder apathisch sind, hängt das mit den Narkosemitteln zusammen?

Dr. Föcking: „Die Verwirrtheit wird durch viele Faktoren beeinflusst, von denen einer natürlich auch die Narkose sein kann.“

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