Mädchen das die Hand hebt

Kinder wollen mehr sein als nur Geschwisterkind.

 

Kinder wollen mehr sein als nur ein Geschwisterkind.

Die Geburt eines behinderten oder chronisch kranken Kindes ist für Eltern ein erheblicher Einschnitt. Neben dem Umgang mit den eigenen Gefühlen sehen sich die Eltern einer Flut von emotionalen und organisatorischen Belastungen gegenüber. Sie brauchen Kraft, Zeit und Aufmerksamkeit, die an anderer Stelle fehlen. Für sich selbst, aber auch für die Geschwister.

Geschwister möchten fürsorglich helfen, die Eltern unterstützen und Verantwortung übernehmen. Doch auch für sie ist die Situation eine Herausforderung. Durch offene Kommunikation, Freiräume und Gleichwertigkeit können die Eltern sich und den Geschwistern helfen, damit umzugehen.

Wenn plötzlich alles anders ist

Zeit mit den Kindern, dennoch die Partnerschaft pflegen, jedes Kind fordern und berücksichtigen, Konflikte auf eine vernünftige Weise lösen, Verantwortung einfordern und Selbstentfaltung gewähren – dass dieses Familienwunschbild in der Praxis auf Hindernisse stößt, weiß jede real existierende Familie nur zu gut. Familienleben ist kein Hochglanzprospekt.

Trotzdem wirft die Geburt eines behinderten oder chronisch kranken Kindes alle elterlichen Vorstellungen oder Pläne über den Haufen. Anfangs bindet die Situation nahezu die gesamte Aufmerksamkeit der Eltern. Alle Gedanken und Emotionen kreisen immer wieder um das behinderte Kind. Die richtigen Therapeuten, Ärzte und Betreuer müssen gefunden werden, alltägliche Abläufe müssen neu gelernt werden. Angst um die Zukunft wird zu einem ständigen Begleiter.

Eltern sind mit einem Dilemma konfrontiert. Auf der einen Seite brauchen sie selber Zeit, um die neue Situation zu begreifen und anzunehmen. Zugleich wollen sie die Geschwisterkinder begleiten, die ebenfalls mit Sorge, Mitgefühl und Ängsten umgehen müssen. Sie wollen alles für das behinderte Kind tun und gleichzeitig immer noch Zeit für die Geschwister haben. Dass dies meist nicht funktioniert, ist für viele Eltern ein zusätzlicher Kummer. Trotz aller Vorsätze fehlen ihnen Kraft und Zeit, um einen Ausgleich für die Geschwister zu finden.

Kind schaut in die Kamera

Gefühle der Geschwister werden falsch eingeschätzt

Geschwisterkinder spüren die Belastungen und Sorgen der Eltern. In der Regel stellen sie ihre eigenen Ansprüche hinten an. Sie nehmen sich selbst zurück, wollen helfen und Verantwortung übernehmen. Aus Liebe zu ihrem behinderten Bruder oder Schwester, aber auch, um die Eltern nicht zusätzlich zu belasten.

Diese Bereitschaft, sich anzupassen und zu helfen, kann dazu führen, dass Eltern die Perspektive der Geschwister nicht ausreichend wahrnehmen. Die emotionale Herausforderung für die Geschwister wird in den ersten Jahren von den Eltern oft unterschätzt. Manche Fragen und Gesprächsthemen der Geschwister bleiben dann unberücksichtigt.

Die Geschwisterkinder wissen sehr genau, dass ihre Situation nicht normal ist, sie sehen und spüren die Unterschiede zu anderen Familien. Oft fehlen ihnen die richtigen Worte und die Gelegenheiten, sich Gehör zu verschaffen.

Offenheit ist der erste Schritt

Geschwisterkinder haben eine eigene Perspektive; wenn diese Perspektive und ihre Bedürfnisse nicht berücksichtigt werden, reagieren sie irgendwann. Soziale Auffälligkeit, Schulprobleme und gerade bei Jungs oft Aggressivität sind typische Verhaltensweisen. Dieses Verhalten ist ein Mittel, Eltern aufmerksam zu machen: Ich brauche etwas anderes, als was ihr mir im Moment geben könnt.

Gerade wenn es Schulprobleme mit den Geschwistern gibt, ist die erste Reaktion der Eltern oft abwehrend. Das Kind darf nicht schwierig sein, wir haben genug Probleme. Nicht auch noch du! Aber genau darin liegt die tiefere Botschaft dieses Verhaltens: Doch. Auch ich. Es ist eine Aufforderung an die Eltern, sich nun endlich auch mit ihrer Situation zu befassen.

Ein wichtiger Schritt ist Offenheit. Eltern sollten Kindern von den Dingen erzählen, die sie bewegen, sollten ihre Gefühle und Ängste nicht verstecken. Die Geschwister haben diese Gefühle ohnehin längst wahrgenommen. Eltern sollten zeigen, dass man darüber sprechen kann. Eine Mutter darf ruhig zugeben, dass sie es ebenfalls doof findet, wenn der behinderte Bruder beim Essen spuckt, dass es aber nun mal halt so ist. Nur so können Kinder lernen, auch ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse ohne schlechtes Gewissen zu äußern.

Geschwister backen miteinander

Geschwister müssen Aufmerksamkeit und Gleichwertigkeit erleben

Geschwister wollen nicht über ihre Geschwisterrolle definiert werden, sie wollen ihre Eigenständigkeit und Bedeutung spüren. Es geht ihnen um Gleichwertigkeit. Deshalb brauchen sie hin und wieder Phasen ungeteilter Aufmerksamkeit. Eine Zeit allein mit den Eltern und ohne das behinderte Geschwisterkind. Sie müssen erleben, dass sie auf einer Stufe mit ihrem Bruder oder ihrer Schwester stehen. Worte und Absichtserklärungen reichen nicht.

Was genau man gemeinsam macht, mag nicht immer entscheidend sein. Das kann ein ungestörter Fernsehabend sein, ein Einkaufsbummel, ein Kinobesuch bis hin zu einem Ferienwochenende. Wichtig ist die ungeteilte Aufmerksamkeit. Wenn sich so viel um das behinderte Kind dreht, sollten Geschwister immer mal wieder alle Aufmerksamkeit für sich haben. Die meisten Eltern tun hier das Richtige, sobald sie sich mit der Situation befassen. Aber sie müssen bereit sein, sich darauf einzulassen.

Den Themen der Geschwister einen Raum geben

Gemeinsame Zeit und Aufmerksamkeit sind wichtig für Geschwisterkinder, doch Gleichwertigkeit meint mehr. Es geht auch um die Gleichwertigkeit der Erfahrungen, Gefühle und Fragen. Manchmal kann es sein, dass es nicht reicht, gemeinsam etwas Schönes zu machen. Manche Bedürfnisse der Geschwister beziehen sich nicht auf Aktivitäten, sondern auf Gedanken zur eigenen Situation, auf ungelöste Fragen und Sorgen.

Wohlmeinende Sätze wie „Du kannst mit uns über alles reden“ oder „Wenn du etwas wissen willst, dann frag einfach“ funktionieren in der Regel nicht. Die wichtigen Themen sind zu schwerwiegend für die Kinder, als dass sie von selbst fragen würden. Manche Dinge werden bewusst nicht angesprochen, weil die Kinder wissen, dass sie nur Trauer oder Hilflosigkeit bei den Eltern auslösen.

Aber es ist für die seelische Gesundheit der Kinder wichtig, ihre Themen zu besprechen. Geschwister machen sich sehr differenzierte Gedanken und stellen oft unbequeme, schwierige Fragen.

Geschwister auf einem Fahrrad

Außerfamiliäre Gesprächspartner und Angebote

Spezielle Angebote für Geschwisterkinder können eine freie Situation für die Kinder schaffen. Viele Geschwisterkinder können sich hier erstmals wirklich mit ihren Gefühlen und Gedanken auseinandersetzen, ohne Druck, Erwartungen und Ängste.

Auch der Austausch mit anderen Geschwisterkindern ist eine große Hilfe. In Schule und dem alltäglichen Umfeld erleben viele Geschwisterkinder, dass ihre Situation von anderen nicht wirklich verstanden wird. Dies wird als eine Form der Sprachlosigkeit erlebt, die einsam macht. Diese Isolation mit den eigenen Gedanken und Gefühle kann durch den Austausch mit Gleichgesinnten durchbrochen werden.

Es ist für die meisten Geschwisterkinder eine Erleichterung, wenn sie nicht alles mit ihren eigenen Eltern besprechen müssen. Hier sind sie letztlich nicht anders als jedes Kind und spätestens bei Jugendlichen ist dies eine Erfahrung, die alle Eltern machen. Deshalb haben die Eltern von behinderten Kindern auch nicht „versagt“, wenn die Geschwister mit anderen über ihre Gefühle und Gedanken reden und dies vielleicht sogar offener.

Selbstsorge vorleben

Geschwisterkinder wissen intuitiv meist sehr genau, was sie wollen und was sie beschäftigt. Eltern helfen ihnen, wenn sie Gleichwertigkeit und Eigenständigkeit vermitteln.

Beides kennen die Eltern am besten, indem sie es vorleben. Geschwister, die erleben, wie ihre Eltern alle eigenen Bedürfnisse der Situation unterordnen, ihre Gefühle verschweigen und unbequeme Aspekte unterdrücken, haben kein positives Vorbild für das eigene Verhalten.

Anstatt auf gesunde Weise mit der Situation umzugehen, orientieren sie sich an der Scheinnormalität der Eltern. Geschwisterarbeit muss deshalb bei den Eltern selbst anfangen. Wer seinen Kindern Ehrlichkeit, Nähe und Selbstsorge vorlebt, ebnet ihnen den Weg zu ihren eigenen Antworten.

Kinder spielen am Tisch

Interview


»Alle haben auf ein Baby gewartet und dann haben am Telefon alle geweint.«

Marlies Winkelheide

Die Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide, Jahrgang 1948, hat mehr als 30 Jahre Erfahrung in der pädagogischen Begleitung von Geschwisterkindern. Als eine der Ersten entwickelte sie in den 70er Jahren verschiedene Angebote für die Geschwister von Behinderten. Sie plant und leitet Geschwisterkinderseminare und Veranstaltungen, hält Vorträge und berät Geschwister und Eltern. Als Autorin hat sie bereits mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht.

Frau Winkelheide, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Situation von Geschwisterkindern. Wie kann man die Kinder positiv begleiten?

Geschwisterkinder brauchen geschützte Räume oder eine Person, die nicht familiennah ist, mit der sie ihre Fragen besprechen können. Natürlich wollen Eltern alles richtig machen und sagen meist: Du kannst mit allem zu uns kommen. Aber das tun Geschwisterkinder nicht immer. Sie spüren, wenn sie bestimmte Dinge fragen, machen sie ihre Eltern traurig. Und deshalb sprechen sie oft nicht über ihre Gedanken. Viele Eltern glauben auch, dass die Situation für die Geschwister ganz normal sei, weil sie es nicht anders kennen. Aber schon ganz kleine Kinder spüren durchaus, dass in ihrer Familie etwas anders ist.

Ältere Kinder schotten sich bei diesen Themen auch schon mal ab. Ich höre ab 14 immer wieder, meine Eltern sollen gar nicht wissen, wie’s mir geht. Denn die halten nur den üblichen Vortrag, warum dies oder jenes halt nicht geht, wegen des Bruders oder der Schwester. Die Geschwister kennen das längst auswendig. Sie wissen, dass es so ist. Gerade Jugendliche möchten deshalb manchmal lieber mit anderen sprechen.


»Die größte Fragestellung, in der Familie, dem Kindergarten oder der Schule ist heute: Wie spreche ich darüber?«

Unterschätzen Eltern die Geschwisterkinder?

Ja sicher, ganz viele tun das. Auch kleine Kinder kriegen ja alles mit. Mich haben schon Eltern von Vierjährigen gefragt, wann sie dem Kind denn sagen sollen, dass ihr Geschwister behindert ist. Aber das Kind weiß das doch längst, es hat nur noch keine Namen dafür. Mir hat einmal ein Sechsjähriger erzählt: Alle haben auf ein Baby gewartet und dann haben am Telefon alle geweint. Da war er drei Jahre alt, aber er hat genau mitbekommen, irgendetwas stimmt nicht.

Die größte Fragestellung, in der Familie, dem Kindergarten oder der Schule ist heute: Wie spreche ich darüber? Auf die Sprachlosigkeit in der Familie folgt oft die Sprachlosigkeit in der Kita. Dies ist auch ein Spiegel der Gesellschaft. Wie soll man über einen Menschen mit Behinderung sprechen, ohne ihn zu diskriminieren? Anstatt gute Antworten auf diese Sprachlosigkeit zu finden, weichen wir aus. Dabei brauchen gerade die Geschwister Möglichkeiten, über diese Dinge zu sprechen. Spätestens zur Schulzeit gibt es dann Schwierigkeiten. Manche Kinder signalisieren dann durch auffälliges Verhalten, dass ihnen etwas fehlt.

Das heißt, Eltern fangen zu spät an, sich mit der Situation der Geschwister zu befassen?

Ich möchte die Eltern ausdrücklich entlasten. Sie tun immer, was ihnen möglich ist. Die Eltern sind am Anfang so sehr mit sich selber beschäftigt und in ihren eigenen Gefühlen gefangen, dass es dauern kann, bis man ihnen die Situation der Geschwister vermitteln kann. Sie brauchen selber Zeit, um zu begreifen, was mit ihnen passiert ist.

Und die Kinder kommen nicht von selbst. Sie äußern sich nicht, wenn sie merken, dass ihre Fragen und Bedürfnisse eine Zusatzbelastung sind. Anfangs ist kein Geschwisterkind schwierig.


»Bei der Suche nach Lösungen würde ich immer auch die Kinder selbst fragen.«

Welches sind die häufigsten Bedürfnisse der Geschwisterkinder?

Sie wünschen sich Zeiten ungeteilter Aufmerksamkeit, das muss gar nicht immer viel sein. Man sollte ihre Anliegen ernst nehmen, selbst wenn sie angesichts der schwierigen Situationen manchmal nicht so wichtig erscheinen. Und natürlich Offenheit und ehrliche Gespräche. Sobald die Eltern beginnen, sich damit zu befassen, tun die allermeisten auch das Richtige. Aber manchmal muss man Umwege bauen, damit dies möglich ist. Der erste Schritt liegt bei den Eltern.

Das Leben mit einem behinderten oder chronisch kranken Kind ist eine Herausforderung, der die Eltern standhalten müssen; die Geschwisterkinder aber auch. Sie müssen ihren Platz in dieser Herausforderung finden. Und sie brauchen einen Raum, um ohne Druck und Belastungen offen über das Thema reden zu können.

Wie lassen sich die richtigen Antworten und Lösungen auf die Herausforderungen finden?

Die Kinder wissen irgendwann, was sie wollen und was gut für sie ist. Sie brauchen nur Gelegenheiten, in denen sie sich äußern können. Deshalb ist meine wichtigste Botschaft: Bei der Suche nach Lösungen würde ich immer auch die Kinder selbst fragen, welche Wege sie sehen. Und ich würde die Antworten ernst nehmen. Die Kinder sind ja clever. Wenn Sie fragen: Was meinst du denn, was man jetzt für dich machen könnte und was die Eltern bisher nicht freiwillig machen? Sie werden erstaunt sein, was dann kommt. Das können ganz einfache Dinge sein. Kleine Signale und Aktionen. Fragen Sie Ihr Kind, was man ändern könnte. Wenn Eltern bereit sind, sich mit diesen Fragen zu befassen, dann sind sie auf dem richtigen Weg.

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