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Interview mit Prof. Dr. Joachim Papenberg, Internist und medizinischer Berater bei der Krankenkasse Novitas BKK

Dr. Joachim Papenberg, Internist und medizinischer Berater bei der Krankenkasse Novitas BKK

Novitas BKK: Herr Prof. Papenberg, Chemotherapie ist ja nicht gleich Chemotherapie.

Welche unterschiedlichen Formen gibt es

Prof. Dr. Joachim Papenberg: Es gibt zum einen die konventionelle Chemotherapie. Hier wirken Substanzen toxisch auf die DNA der Krebszellen. Dann gibt es Substanzen, die gezielt auf Stoffwechselvorgänge in den Krebszellen Einfluss nehmen, zum Beispiel bei der chronisch myeloischen Leukämie. Diese Substanzen greifen an einer ganz bestimmten Stelle in den Stoffwechsel der Leukämiezelle ein und stören die Zelle so, dass eine jahrelange Remission möglich ist.
Dann gibt es die hormonelle Krebstherapie bei Brustkrebs und Prostatakrebs. Und schließlich haben wir noch die biologische Krebstherapie. Diese umfasst zum Beispiel Antikörper-, Zytokin- und Gen-Therapien der Krebszellen.

Novitas BKK: Wann kommt eine Chemotherapie zum Einsatz?

Prof. Dr. Joachim Papenberg: Das ist ganz unterschiedlich. Eine Chemotherapie wird meist bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen eingesetzt, wenn eine Heilung in der Regel nicht mehr möglich ist. Ebenfalls zum Einsatz kommt die Chemotherapie bei fortgeschrittenen Krebsen, die sich dann durch eine Kombination von Chemotherapie und Strahlentherapie teilweise zurückbilden. Es gibt eine Reihe von Krebsarten, bei denen man beide Therapieformen einsetzen muss. Bei einem großen Brustkrebs zum Beispiel versucht man zunächst, den Tumor durch eine Chemotherapie zu verkleinern. Erst dann folgt die Operation.  

Des Weiteren kann eine Chemotherapie unterstützend nach einer chirurgischen Behandlung sinnvoll sein („adjuvante Chemotherapie“). Nehmen wir den Brustkrebs: Der Tumor wird entfernt und die Lymphknoten in der Achselhöhle werden untersucht. Sollte ein Lymphknoten mit Metastasen befallen sein, muss im Anschluss an die Operation eine adjuvante Chemotherapie erfolgen. Doch auch, wenn die Lymphknoten frei sind, kann eine Chemotherapie sinnvoll sein. Denn es können schon kleine Krebsabsiedlungen vorhanden sein, die man noch gar nicht sehen kann. Aus einem solchen Verdacht heraus, kann man dann beispielsweise über einen Zeitraum von einem halben Jahr eine adjuvante, also unterstützende, Chemotherapie durchführen.

Die Hochdosis-Chemotherapie wird etwa vor einer Knochenmarkstransplantation oder einer Behandlung mit Stammzellen eingesetzt. Vor einer solchen Behandlung muss das Knochenmark des Patienten von jeder bösartigen Leukämie-Zelle befreit werden. Erst dann kann man neues Knochenmark geben. Der Patient hat nach der Hochdosis-Chemotherapie vorübergehend keinerlei Abwehrkräfte mehr.
 
Eine weitere Form ist die palliative Chemotherapie. Diese kommt zum Beispiel bei Patienten zum Einsatz, die viele Metastasen haben und nur noch teilweise auf eine Chemotherapie ansprechen. So kann man ihnen möglichst nebenwirkungsfrei und mit einer geringen Dosis den Leidensdruck nehmen und noch einige Wochen Lebenszeit schenken. Ein Gesunder mag schnell sagen, vier oder acht Wochen länger leben, das spielte keine Rolle. Aber für Sterbenskranke sind einige Wochen Leben sehr wohl von großer Bedeutung.

Zuletzt möchte ich noch auf die Chemotherapie mit geringer Ansprechrate auf die Krebszellen eingehen, wie zum Beispiel bei Bauchspeicheldrüsenkrebs. Wenn der Patient aber starke Schmerzen hat, dann kann man eine Chemo- und Strahlentherapie versuchen.

Novitas BKK: Wann sollte man von einer Chemotherapie besser absehen?

Prof. Dr. Joachim Papenberg: Absehen sollte man von einer Chemotherapie bei weit fortgeschrittenen Krebsen mit Metastasen und einem sehr schlechten Allgemeinbefinden des Patienten, zum Beispiel wenn das Blutbild sehr schlecht ist; der Patient appetitlos und sehr abgemagert ist. 

Novitas BKK: Es wird ja oft über den Nutzen einer Chemotherapie diskutiert.

Was spricht für diese Behandlungsform und was spricht dagegen?

Prof. Dr. Joachim Papenberg: Wenn eine Chemotherapie bei einer Krebserkrankung indiziert ist, dann sollte man diese auch unbedingt verabreichen. Bei Krebsarten wie Leukämie oder Brustkrebs, bleibt dem Patienten auch gar nichts anderes übrig. Denn eine Chemotherapie und/oder eine Bestrahlung sind dann die einzige Möglichkeit, eine geraume Zeit weiterzuleben oder sogar zu überleben.
Die Chemotherapie ist in der Regel lebensverlängernd und führt im Durchschnitt zu einer wesentlichen Verbesserung der Lebensqualität. Naturheilmethoden können zusätzlich angewendet werden, um Begleiterscheinungen wie Appetitlosigkeit zu mindern. Der Krebs wird sich aber durch Naturheilverfahren nicht zurückbilden.

Novitas BKK: Wann gilt eine Chemotherapie als erfolgreich?

Prof. Dr. Joachim Papenberg: Erfolgreich ist eine Chemotherapie entweder bei einer Teilrückbildung oder einer vollständigen Rückbildung des Tumors. Wenn man zum Beispiel nach einer Leukämie wieder ein normales Blutbild hat. Aber auch das Nicht-Fortschreiten des Krebses ist schon ein Erfolg.

Novitas BKK: Haben Sie das Gefühl, eine Chemotherapie kommt zu häufig zum Einsatz?

Vielleicht auch dann, wenn sie nicht oder nur wenig erfolgsversprechend ist?

Prof. Dr. Joachim Papenberg: Solche Ängste sind absolut unbegründet. Die Chemotherapie hat in der Regel beträchtliche Nebenwirkungen. Sie wird deshalb nur eingesetzt, wenn sie indiziert ist. Wenn so gefährliche Medikamente gegeben werden, dann ist das nur möglich, wenn die Therapie auch wirklich erforderlich ist. In Deutschland liest man ja hin und wieder Berichte, dass zu viele Hüft- oder Kniegelenke neu eingesetzt werden. So etwas ist bei der Chemotherapie nicht möglich. Wenn der Patient bei einer nicht indizierten Chemotherapie sterben würde, müsste das Krankenhaus eine enorme Schmerzenssumme zahlen.
Die Angst, dass eine Chemotherapie zu oft verschrieben wird oder sie vielleicht zu schnell zum Einsatz kommt, ist völlig unbegründet. Man darf nicht vergessen: Wir sprechen bei Krebs von einer oft tödlich verlaufenden Erkrankung.

Novitas BKK: Welche Alternativen gibt es zu einer Chemotherapie?

Prof. Dr. Joachim Papenberg: Ganz klar: Wenn eine Chemotherapie angeraten wird, dann gibt es keine Behandlungsalternativen.

Novitas BKK: Wie hoch sind in etwa die durchschnittlichen Kosten für eine Chemotherapie?

Prof. Dr. Joachim Papenberg: Geschätzt können Chemotherapien bis zu 10.000 oder auch 20.000 Euro kosten. Das ist aber sehr bescheiden gerechnet. Bei manchen Chemotherapien kann es in die 100.000 Euro gehen. Leben lässt sich aber nicht aufrechnen.

Novitas BKK: In wie weit arbeiten die Ärzte zusammen und tauschen sich untereinander aus?

Prof. Dr. Joachim Papenberg: Bei der Behandlung von Krebspatienten arbeiten Ärzte der verschiedenen Fachbereiche in onkologischen Zentren sehr eng zusammen, zum Beispiel in den sogenannten Tumorkonferenzen. Man kann nicht einfach so bei einem Patienten eine Chemotherapie beginnen. Im Krankenhaus muss es dann zum Beispiel auch einen sehr guten Chirurgen geben und eine sehr gute Radiologie, wenn auch eine Bestrahlung durchgeführt werden muss. Als Patient kann man sich in Deutschland sicher sein, dass die Ärzte, die Tumorerkrankungen behandeln, hochqualifiziert sind und im ständigen Austausch miteinander stehen. Haben Sie Vertrauen in die Ärzte!